Heeslingen

Räubernest in Stuhenfieren

Gruselige Geschichten ranken sich um die frühere Siedlung und staatliche Forstvogtei – Seltsame Gestalten


STUHENFIEREN. An der nordöstlichen Grenze der heutigen Gemeinde Heeslingen gab es in früheren Zeiten die Siedlung und staatliche Forstvogtei Stuhenfieren. Um diesen Ort rankten sich in der Vergangenheit so manche Geschichten, von denen einige hier erzählt werden sollen.

Ein großer Findling erinnert an die ehemalige Siedlung.
Ein großer Findling erinnert an die ehemalige Siedlung.

Stuhenfieren lag direkt an dem so genannten Ochsen- oder Marktweg, der als wichtige Verbindung von Norden in Richtung Süden diente. An diesem Weg soll es ein Wirtshaus gegeben haben, das einen zweifelhaften und berüchtigten Ruf hatte.
Ein Räubernest soll die Herberge gewesen sein, in der so mancher Reisende nicht nur sein Hab und Gut, sondern gleich sein Leben gelassen hat.
Wenn es aus dem Schornstein in Stuhenfieren weithin sichtbar qualmte, hieß es für die Nachbarn in den umliegenden Dörfern: „Süh, in Stuhenfieren hebt se ok en wer ümbrocht“, denn das konnte nur bedeuten, dass wieder ein bedauernswerter Gast des Wirtshauses im Backofen verbrannt worden war. Zum Brotbacken konnte der große Ofen ja scheinbar nicht genutzt werden, da waren sich die Nachbarn sicher. Den Bedarf an Brot stahl das Gesindel nämlich in den umliegenden Dörfern.
So sollen noch bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts die Räuber aus Stuhenfieren die Kornscheunen der Bauern um so manchen Sack Schrot und Korn erleichtert haben. Gehindert wurden sie daran nicht, denn die Furcht vor Schlimmerem war viel zu groß, berichtet die Wenser Chronik.
Schließlich besagt eine andere – mündlich überlieferte – Version, dass der Wirt seinen schlafenden Opfern siedendes Fett in die Kehle gegossen hat und sie dann im Keller entsorgte. Einem Gast der Herberge gelang jedoch die Flucht vor dem mordlüsternen Wirt, und mit einer Anzeige in Stade sorgte er schließlich für das Ende der Räuberhöhle. Dieser Gast kam im Winter in das Wirtshaus, um zu rasten und dort die Nacht zu verbringen. Der Wirt gab ihm eine Schlafstätte auf dem Heuboden. In der Nacht hörte der aufmerksame Gast, wie der Wirt am Feuer hantierte. Vorsichtig durch die Bodenluke spähend sah er, wie der Wirt eiserne Stangen glühte. Nichts Gutes ahnend versteckte sich der Gast und als der Wirt auf den Heuboden kam, um sein Opfer zu suchen, eilte der Gast schnell die Bodenleiter herunter und suchte das Weite. Der Wirt hetzte noch seine Hunde hinterher, aber er konnte glücklich entkommen.
Nachdem die Herberge ausgehoben worden war, stand das Wirtshaus zunächst leer. Und weiterhin rankten sich unheimliche Geschichten darum. Schäfer, die mit ihren Herden in der Nähe übernachteten, wollen in Vollmondnächten immer wieder seltsame Gestalten gesehen haben, die erst in der Morgendämmerung wieder verschwanden. Auch Hexen soll es im Wald bei Stuhenfieren gegeben haben, woran ein großer Findling erinnert, der heute am Beginn des Waldes aufgestellt ist. Zwillingsschwestern aus Ottendorf verloren kurz hintereinander ihre Ehemänner und wurden als Hexen aus dem Dorf vertrieben. In einem leer stehenden Haus im Wald fanden sie eine neue Bleibe. Später sollen sich die Wege der Schwestern getrennt haben. Die eine der beiden soll fortan als böse Hexe den Menschen Not und Unglück gebracht haben, hieß es. Die zweite fristete ihr Leben als angebliche Moorhexe im Buttermoor und half als gute Fee bedrängten Menschen.
Die Siedlung am Stuhenfieren wurde schließlich bis auf ein Haus aufgegeben, das auch heute noch bewohnt wird. (he)

Artikel von Sabine Hennings
Quelle: Zevener Zeitung vom 10. Mai 2011: ZZ / 108 / Seite:9



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